Die dunkle Seite

Es liegt in meiner Natur, möglichst alle Seiten zu betrachten. Das Dunkle fasziniert mich seit jeher in all seinen Grau-, Rot-, Blau- und Schwarzschattierungen. Fast ist mir jede  lichte Darstellung unheimlich, ohne das Anerkennen der Dunkelheit der in unsere hintersten Winkel verbannten Emotionen von Zorn, Rache und Bitterkeit. Es ist ein düsteres Labyrinth voller Schatten – Kindheitsgespenter, Gedankenmonster und Versagensängste. Jeder braucht seine eigene Landkarte.
Auf meiner gibt es Wutklippen, das Meer der Raserei; es gibt die Schluchten der verhassten Hilflosigkeit; es gibt die Wüste des Ausgeliefertseins mit ihren Sandstürmen der Demütigung; es gibt den Wald der Selbstzweifel und die Höhle der Selbstverleugnung. Es gibt die Seenplatte „Es-allen-Recht-machen“ und den Strom „Meinen-Wert-beweisen“. Es gibt viele Hügel des „Muss“ und etliche Löcher des Versagens. Es gibt giftige Sträucher und Dornenhecken. Düstere Wolken voller dummer Gedanken und Egogewitter.
Es gibt die Blitze des arroganten Besserseins und den Donner der Verurteilung; die ätzende Stimme der Verachtung und das zitternde Kleinmachen.
Es gibt tiefe Krater der Trauer, des Selbstmitleids und Abgründe der Selbstverletzung. Es gibt Sümpfe der Süchte und Wiesen voller falscher Versprechungen, enttäuschter Erwartungen und Ignoranz. All das und noch viel mehr.

Aber es findet sich auch die tiefste, innerste, urzeitlichste Kraft. Mein Urschrei, der tief aus den Abgründen aufsteigt, mein „Trotzdem“, mein „Gerade-Deswegen“ und mein „Jetzt-erst-recht“.
Hier kann es nur bergauf gehen. Hier in der Dunkelheit aller Masken beraubt, im Angesicht meiner eigenen ekligen, furchteinflößenden Monster, hier fühle ich mich wahrhaftig lebendig. Die Tiefe der Empfindungen wird mir erst an diesem Ort wirklich bewusst, nur hier habe ich das Gefühl meine Natur zu kennen, sie zu zulassen.
Nach all dem Kämpfen und Ringen um den schönen Schein wird das Finstere ruhig und warm wie eine schützende Höhle im Bauch der Erde. Nichts mehr zu vertuschen, zu verbergen ~ im ehrlichen Offenlegen liegt Aufatmen, Wahrhaftigkeit und Vergebung. Die Tiere der Dunkelheit sind nicht umsonst weise Lehrer und Führer durch raue Gezeiten in unser tiefstes Wissen. Die Dunkelheit ist der Ort der Mysterien, der Urzeit, des Alles und der Leere. Endlos, weit und voller wartender Möglichkeiten wie das All.
Es ist der Ort, an dem wir auf uns selbst gestellt sind, an dem unserer eigenes Licht – mag es auch noch so zusammengesunken sein – aufflackert und uns den Weg weisen kann. Diese Lektion lehrte mich ein leuchtendes Einhorn in einem finsteren Wald.
Der Sog der Dunkelheit zieht mich immer wieder mit sich. Manchmal folge ich gern, manchmal nur unwillig, manchmal voller freudiger Aufregung und manchmal voller Furcht. Dennoch habe ich noch nichts Befreienderes und Bereichernderes erlebt, als mir ungeschminkt selbst zu begegnen, wach DA zu sein ohne Auszuweichen und meinen Frieden damit zu machen.

Anmerkung:
Mir geht es um einen gesunden Umgang mit all unseren Emotionen (wie z.B. Wut oder Trauer) und Seiten.
Allerdings distanziere ich mich ausdrücklich von allem Verhalten, das Mitlebewesen absichtlich Schaden zufügt. Unsere oberste Priorität sollte ein respektvoller und nachhaltiger Umgang mit uns selbst, anderen und unserer Welt sein. Blessed Be